W-LV-27 Ralf Kirchhoff

Guten Morgen, liebe Grüne,

ich wollte heute als Gast kommen, weil ich als Gehörloser in Anwesenheit von Gebärdensprachdolmetscher*innen bei der LDK mitmachen möchte. Leider geht es mir heute überhaupt nicht gut. Trotzdem möchte ich mich gerne für den Landesvorstand gerne bewerben. Wie für Euch alle ist die Inklusion für mich eine sehr wichtige und ununterschätzbare Aufgabe.

Schon in der Jugend war ich auf der Suche nach einer Möglichkeit, die meinem Leben einen Sinn gibt. Ich kam durch meine Eltern zu verschiedenen, christlichen Versammlungen und lernte mit zu diskutieren. Ich machte verschiedene Aktionen im Rahmen einer „geeinten Welt“ mit, um der Welt ein besseres Gesicht zu geben. Aber ich merkte, dass ich meine eigene Identität als Gehörloser noch entwickeln musste.

Daher war ich zuerst in Organisationen der Gebärdensprachdozenten aktiv und wurde unter anderem Beisitzer. Ich wirkte daran mit, dass die Gebärdensprache ihre Anerkennung finden sollte. Ich war sehr froh darüber, als die Gebärdensprache zunächst im Sozialgesetzbuch IX und später auch im Behindertengleichstellungsgesetz erst mal eine Erwähnung fand. Die Umsetzung erfolgte jedoch sehr mühselig, wie ich es aufgrund meiner langjährigen Arbeit als Sozialpädagoge noch heute feststellen muss.

Ich war daran interessiert, dass Gehörlose mitbekommen sollten, was die Gesellschaft bewegte. Deshalb betätigte ich mich häufig als Mitarbeiter der Kommunikationsforen für Gehörlose und Schwerhörige zuerst in Hamburg und später in Essen und moderierte manche Diskussionen nach den Eingangsvorträgen. Von diesen war eine ganz besondere Podiumsdiskussion, die ich mit organisierte und Ende Juni 2013 in Essen stattfand. Bei der Diskussion ging es um die Inklusion von hörbehinderten Schülern, die heute noch mehr oder weniger erfolgreich ist.

Das ist auch mit einer der weiteren Gründen, warum ich Mitglied der Grünen geworden bin. Insgesamt kann ich sagen, dass die Aktivitäten häufig von meinen Erfahrungen als Gehörloser und aus meiner Arbeit als Sozialpädagoge herrühren. Weiterhin bin ich aktiv im Vorstand des Landesverbandes der Gehörlosen NRW e. V. und beteilige mich vor allem am Zustandekommen eines möglichst guten Inklusionsstärkungsgesetzes, ein neues geplantes Gesetz für NRW, und eines ebenfalls möglichst guten Bundesteilhabegesetzes, dessen Entwurf im Moment Gehörlose leider noch schlechter als andere Behinderte berücksichtigt.

Wie gesagt, ist die Inklusion ein sehr wichtiger Bestandteil der politischen Arbeit unserer Partei. Im Moment sieht die Realität bei vielen Behinderten noch anders aus – insbesondere bei den Gehörlosen. Sogar hier bei den Grünen selbst haben gehörlose Parteimitglieder sehr schwer. Denn die Kostenübernahme für Gebärdensprachdolmetscher*innen ist ungeklärt. Solange dies bleibt, bleibt auch die Inklusion von Gehörlosen insgesamt auf der Strecke. Deswegen möchte ich mit Euch allen auf der Landesebene dafür kämpfen, daß die Inklusion in unserem Leben wirklich wahrgenommen und umgesetzt wird und alle Behinderten, insbesondere Gehörlose, auf der Augenhöhe mit anderen Nichtbehinderten zusammenarbeiten und kommunizieren. Ich hoffe sehr, daß meine Bewerbung trotz meiner Erkrankung angenommen wird.

In diesem Sinne wünsche ich Euch einen erfolgreichen Verlauf der Landesdelegiertenkonferenz.

Euer Ralf Kirchhoff

Biografie

Ich bin gehörlos zur Welt geboren. Trotzdem wollten meine Eltern mich so normal wie möglich aufwachsen lassen. Deshalb bin ich zum Regelkindergarten gegangen. Da die Kommunikationsbedingungen dort schon schwierig waren, kam ich 1976 auf die Gehörlosenschule in Münster. Dort war es wie eine Offenbarung: Ich traf auf Kinder, die wie ich waren. Die Erlernung der Gebärdensprache prägte dann mein ganzes Leben. Die weiteren Stationen sind die Realschule für Hörgeschädigte in Dortmund und die Kollegschule in der Rheinisch-Westfälischen Berufsschule für Hörgeschädigte in Essen, wo ich mit Erfolg mein Abitur machen konnte. Ziemlich ist es fast die einzige in ganz Deutschland, wo Gehörlose Abitur machen können. Bereits vor dem Abitur (1992) stand ich vor der Frage, welchen Beruf ich ergreifen sollte. Ich lernte bereits einige Gehörlose kennen, die studierten. Als ich sah, dass diese mit sehr viel weniger Gebärdensprachdolmetschern teilen mussten und bei der Frage der Finanzierung der Dolmetschereinsätze mit den Kostenträgern zu kämpfen hatten, dachte, ich sollte besser eine Ausbildung als Bürokaufmann machen. Der Ausflug in den kaufmännischen Bereich war sehr kurz, wo ich merkte, daß lieber etwas mit Menschen zu tun haben. Daher entschied ich mich, Sozialpädagogik in Düsseldorf zu studieren. Mit der Finanzierung von Gebärdensprachdolmetschern scheiterte ich wegen der Feststellung des vorhandenen, elterlichen Vermögens bei den Kostenträgern. Ich hatte jedoch Glück, das Studium gemeinsam mit einer gehörlosen Kommilitonin zu verfolgen, die eine Bewilligung von Gebärdensprachdolmetschern bekommen konnte. So konnte ich das Diplom erwerben. Dann machte ich das Anerkennungsjahr in Hamburg und blieb für 10 Jahre dort. Ich machte viele Erfahrungen im Bereich Eingliederungshilfen. 2008 bekam ich eine Chance, ein Integrationsprojekt für gehörlose Arbeitslose in Dortmund mit aufzubauen. Es entwickelte sich gut. Leider war die Tätigkeit aufgrund des Projektes befristet. Ich lernte dann an den verschiedenen Arbeitsplätzen eine große Bandbreite der Möglichkeiten kennen, die mein Beruf als Sozialpädagoge hat. Unter anderem arbeitete ich einmal für kurze Zeit in einer Förderschule Hören und Kommunikation, in der die völlige Akzeptanz der deutschen Gebärdensprache leider noch heute unbekannt ist. Ich machte zwischenzeitlich eine Ausbildung als staatlich anerkannter Gebärdensprachdozent in Potsdam, weil ich bereits schon seit mehreren Jahren Gebärdensprache lehre und den Hörenden diese für sie andersartige Sprache noch heute näherbringen möchte. Im Moment bin ich mit der Integration und Schulung von tauben Flüchtlingen und Migranten beschäftigt. Dieses Thema beschäftigt mich schon seit der Flüchtlingskrise. Ich möchte alles dafür tun, daß ein Projekt zur Unterstützung von tauben Flüchtlingen in ganz NRW auf die Beine gestellt wird.  

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